Kapitel 2025.08
- Christian M. Huber

- 2. Nov. 2025
- 6 Min. Lesezeit
„Herr Kramer? Ich weiß, dass sie zu Hause sind.“
Hausmeister Krauses Stimme. Der hatte ihm jetzt noch gefehlt. Dennis richtete sich auf. Wie der Mann wirklich hieß, hatte er vergessen. Er wäre jedoch eine ideale Ersatzbesetzung in der Serie gewesen, hatte Dennis gefunden und so hatte sich der Name in seinem Kopf festgesetzt.
Wieder drei Mal Klopfen. Himmel, hat der eine Ausdauer. Dennis fühlte ein sanftes Pochen an seiner linken Seite. Das Schmerzmittel schien noch in Teilen zu wirken. Er schwang die Beine aus dem Bett, verharrte einen kurzen Moment, stand dann auf. Auf eine Konfrontation mit dem nervenden Gast vor der Tür hatte er keine Lust.
„Herr Kramer! Ich muss mit ihnen reden“, wieder das Klopfen. Die genervt ärgerlich klingende Stimme ließ darauf schließen, dass es bei dem Gespräch wohl kaum um das herrliche Sommerwetter gehen würde. Dennis beschloss, nackt wie er war zur Tür zu gehen. Dort fand er sein Telefon auf dem Boden, hob es auf und stellte erleichtert fest, dass das Display noch ganz war, wenn auch der Akku zwischenzeitlich schlapp gemacht hatte. Klopfen.
„Ich muss mit ihnen Reden, Herr…“, weiter kam er nicht, denn Dennis öffnete die Tür. Hausmeister Krause verstummte inmitten seines Satzes. Sein Mund blieb offen stehen und Dennis amüsierte sich köstlich über das sich bietende Schauspiel. Als ob er noch nie in seinem Leben einen nackten Mann vor sich aus nächster Nähe hatte stehen sehen, begann der Krause-Verschnitt mit dem Mund zu arbeiten, wie ein nach Luft schnappender Fisch.
„Guten Morgen“, begegnete Dennis ihm und musste den fröhlichen Unterton nicht einmal spielen.
„Ich… Herr…“, stammelte der andere und schien mit einem Mal jeden Gedanken an das geplante Gespräch vergessen zu haben.
„Kann ich ihnen helfen?“, fuhr Dennis fort und ließ seinem Gegenüber damit keine Zeit, sich wieder zu fassen.
„Äh… ja… Herr Kramer“, langsam schien er den Faden wieder zu finden, „… wie sie wissen, haben wir… steht in der Hausordnung…“, er unterbrach sich, holte Luft. Dann mit festerer Stimme:
„Nach 22 Uhr darf nicht mehr geduscht werden. Gestern Nacht – und ich habe mir die Zeit aufgeschrieben – war es“, er unterbrach sich und begann in seiner engen Jeanshosentasche nach etwas zu suchen.
„Ich habe nicht geduscht“, behauptete Dennis und stellte fest, dass er den Mann damit erneut für einen Moment lang völlig aus dem Konzept brachte. Dennoch zog dieser einen stark zerknitterten Zettel aus der Tasche, entfaltete ihn und fuhr fort.
„… 23 Uhr und 22 Minuten. Da hat es angefangen und…“
„Ich habe nicht geduscht. Ich war das nicht.“
„… 31 Minuten später…“, Dennis verlor die Geduld und den größten Teil seiner guten Laune.
„Hören sie, ich war das nicht. Und jetzt lassen sie mich damit bitte in Ruhe.“, den Worten verlieh er dadurch Nachdruck, dass er dem verdutzt drein blickenden Mann die Wohnungstüre vor der Nase zuschlug.
„Ich melde das dem Verwalter“, hörte Dennis durch die Tür.
„Das ist nicht das erste Mal und ich werde sie melden. Sie werden schon sehen, was sie davon haben.“
Dennis kehrte der Tür den Rücken. Er brauchte einen Kaffee. Und noch eine Tablette. Das Pochen war wieder stärker geworden. Bald schon, fühlte er, würde das dumpfe dröhnen in seinen Rippen erneut zu einem stechenden Schmerz werden.
Die Uhr am Backofen verriet kurz nach halb zwölf. Um die Uhrzeit war Hausmeister Krause an Werktagen auf der Arbeit und da Dennis davon ausgehen konnte, keine ganze Woche verschlafen zu haben, musste es Sonntag sein. Erleichtert darüber, dass er seinem Chef nicht erklären musste, warum er erneut einen Montagvormittag zu Hause anstatt vor dem Rechner beim Programmieren verbrachte, blickte er aus dem Küchenfenster und ertrug das Ohrenzersägende Geräusch zermahlenden Kaffees. Die Sonne schien und keine Wolke trübte den Himmel. Dennoch fehlte ihm die Lust, nach draußen zu gehen. Genau genommen, fehlte ihm die Lust, irgendetwas zu tun. Er fühlte sich noch immer elend.
Dennis schnappte sich die Tasse mit dem dampfenden schwarzen Inhalt, ging ins Bad und drückte eine dritte Tablette aus der Blisterverpackung. Die Idee, diese mit Kaffee herunter zu spülen bereute er bereits nach dem ersten Schluck. Die Hitze des Getränks brannte sich ihren Weg durch die Speisröhre nach unten und schob damit leidlich gut den dicken Kloß Schmerzmittel vor sich her. Dennis hoffte augenblicklich, dass er damit nicht nur das Stechen an seinen Rippen lindern würde, sondern auch die Kollateralschäden der Hitze in seinem Innern. Hinzu kam, dass der Kaffee seinen Magen aufs heftigste in Aufruhr brachte und ihm den Hunger erneut vor Augen führte. An den Inhalt in seinem Kühlschrank konnte sich Dennis nicht erinnern. Da es Sonntag war, hoffte er, auf die üblichen Verdächtigen.
Einige Minuten später saß er mit zwei wurstbelegten Toastbrotscheiben am Küchentisch und starrte auf das soeben wieder entsperrte Mobiltelefon. Dank des zu kurzen Ladekabels hatte er sich am Tisch über Eck setzen müssen. So lange war sein Telefon schon Ewigkeiten nicht mehr aus gewesen.
17 ungelesene E-Mails, 193 Nachrichten auf Whatsapp und diverse weitere Meldungen aller möglichen Apps sprachen Bände. Er öffnete die Nachrichten-App und scrollte durch die Meldungen. Beim Profil seiner Schwester blieb er hängen. Drei neue Nachrichten. Generell schon ungewöhnlich, da Katja normaler Weise anrief, wenn sie etwas wollte. Und gleich drei Nachrichten sprengten den üblichen Rahmen mehr als bei Weitem. Er öffnete den Verlauf.
„Hab mehrmals versucht dich zu erreichen? Brauch deinen Rat. Meld dich!“
„He, Bruderherz, alles ok? Meld dich bitte, sobald du das liest!!!“
„Dringend! Bitte ruf mich doch mal an. Hab dir was in den Briefkasten geworfen. Ist echt wichtig.“
Dass Katja gelegentlich über dramatisch reagierte, wenn es um Kleinigkeiten ging, war Dennis bewusst. Dennoch schien etwas bei ihr nicht zu stimmen. Ein Blick auf die entgangenen Anrufe zeigten ihm, dass sie sieben Mal versuchte hatte ihn zu erreichen. Ein ganzes Rudel an Gedanken schoss Dennis durch den Kopf. Keiner davon schien richtig zu passen. Er beschloss kurzerhand zurückzurufen und zu fragen. Anrufliste. Einmal wischen. Anruf drücken. Es klingelte. Dann die Stimme seiner Schwester:
„Hi, ich bin´s. Die Katja. Hinterlass mir doch einfach eine Nachricht nach dem Piiiiiieep.“, dann folgte ein Piepton, doch Dennis legte auf. Er hatte schon ganz vergessen, welch fröhliche Nachricht Katja auf ihre Mailbox auf gesprochen hatte. Auch dieses Mal hatte Denis bei dem langgezogenen von Katja nachgeahmten Ton am Ende ihrer Nachricht schmunzeln müssen. Typisch seine Schwester.
Er trank die letzten Schlucke seines Kaffees und beschloss, den Briefkasten aufzusuchen. Vielleicht erfuhr er aufgrund des Inhalts, um was es ging. Er zog sich etwas über, lauschte dann erst von Innen an seiner Wohnungstür, ob die Luft rein war.
Vorsichtig öffnete er sie, wartete kurz und ging dann hinaus. Worauf er jetzt absolut keine Lust hatte, war Hausmeister Krause auf dem Flur zu begegnen. Um ja keinen Lärm zu machen, zog er seine Wohnungstür nicht ins Schloss, sondern ließ sie einen schmalen Spalt offen stehen. Runter zum Briefkasten ging er über die Treppe. Leise und sich stets umschauend, als ob jemand hinter ihm her wäre.
Dennis fand zwei Umschläge. Beide im Format Din A 5. Braunes, umweltfreundliches Papier. Auf dem einen Stand in der geschwungenen Handschrift seiner Schwester in großen, schwarzen Lettern „Bruderherz“ mitten auf einer der Seiten. Der andere war unbeschriftet. Beim Anblick des zweiten Umschlags begann Dennis Herz zu klopfen. Du wirst von uns hören, wenn wir dich brauchen! Diese Worte hallten plötzlich in seinen Gedanken wider. Wie durch zähen Kaugummi schlich er den Rückweg nach oben. Beide Umschläge wogen schweres Blei in seinen Händen.

Zurück in seiner Wohnung setzte er sich wieder an den Küchentisch. Die Umschläge vor sich. „Bruderherz“ auf dem einen. Nichts auf dem anderen. Und gerade dieses Nichts zog ihn einerseits magisch an und löste zeitgleich den Impuls zur Flucht aus. Sein Verstand versuchte, eine plausible Erklärung zu finden. Versuchte, das gesehene mit rosaroter Brille zu betrachten. Vielleicht hatte Katja zwei Umschläge eingeworfen und nur einen von beiden beschriftet. Im gleichen Moment dieses Gedanken schien eine andere Stimme zu antworten. Die Umschläge sind unterschiedlich. Schau doch genau hin. Der eine ist ein wenig dunkler und hat eine andere Maserung.
Dennis sog tief Luft ein. Griff nach dem unbeschrifteten der beiden Umschläge. Viel konnte er nicht enthalten. Er riss ihn auf. Vorsichtig, gerade so, als ob er bei zu grober Handhabe explodieren könne. Ein kariertes Papier kam zum Vorschein. Einmal gefaltet und offensichtlich an einem Ringbuch abgerissen, denn die typische, zerfledderte Lochleiste am Rand war teilweise zu sehen. Er zog das Blatt heraus. Entfaltete es. Starrte auf den Inhalt und gefror in seinem Handeln.


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