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Kapitel 2025.04

  • Autorenbild: Christian M. Huber
    Christian M. Huber
  • 5. Okt. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Okt. 2025

„Wir haben ihn!“.


Die Stimme hallte in seinem Kopf nach. Das Ding, das sich wie ein Metallnetz anfühlte, lastete schwer auf seinem Kopf und den Schultern und Zwang ihn in eine gebückte Haltung. Eine kalte Flüssigkeit ran ihm über den Rücken nach unten und Dennis fühlte, wie ein Rinnsal davon unangenehm den Weg zwischen seinen Pobacken hindurch fand. Ihm blieb nur der Weg nach vorne. Noch immer geblendet von der plötzlich aufgeflammten Helligkeit ließ er sich in den Wagen fallen. Schlug dabei mit den Waden schmerzhaft am Rahmen an. Kopfüber nach vorne, landete er mit dem Gesicht auf den Sitzpolstern.


Staubig, modriger Geruch drang in seine Nase ein. Instinktiv drehte er sich um, tastete von innen nach dem Griff an der Autotür und zog mit aller panischen Kraft daran. Anstatt des üblichen Dumpfen und angenehmen Geräusches, für dessen Entwicklung eigens Tonkünstler engagiert wurden, federte die Tür mit einem hässlichen Klang von Metall auf Metall zurück. Dennis rutsche vom Griff ab und zu den Schmerzen in beiden Waden gesellte sich jenes Gefühl, dass nur umgebogene oder angerissene Fingernägel verursachen können.


„Er ist im Auto. Los, einer von Euch auf die andere Seite!“


Wieder dieselbe Stimme. Die andere Seite. Dennis öffnete seine Augen. Die abgeschiedene Düsternis der Tiefgarage war einem taghellen Weiß gewichen. Wie von einem Stadionflutlicht erleuchtet, konnte Dennis jede Einzelheit erkennen. Unheimliche Schatten tanzten durchs Licht. Hektisch rutschte er zur linken Seite. Sah beim Greifen nach dem Türöffner, dass er mit weißer Farbe bespritzt war. Sie wissen es. Sie haben mit mir gerechnet. Die Verriegelung quietschte, als er daran zog. Dennis drückte die Tür auf. Rutschte an den Rand des Sitzpolsters und schwang die Beine aus dem Auto.


„Haltet ihn auf!“


Panikmodus und Erinnerungsvermögen, wem diese Stimme zuzuordnen war, schienen nicht gleichzeitig funktionieren zu wollen und die Panik gewann. Dennis setzte sich in Bewegung und rannte los. Drei Schritte. Fünf. Von weitem visierte er die Ausgangstür an. Ein kleiner Funken Hoffnung klomm in ihm auf.


Der nächste Schritt erreichte jedoch nie den Boden. Etwas, dass sich anfühlte wie ein riesiger Aktenschrank, prallte von rechts gegen ihn. Warf ihn aus der Bahn. Umklammerte ihn mit Schraubstockarmen. Dennis roch Alkohol. Zigarettenrauch. Schweiß. Dann prallten sie auf. Der Atem wurde ihm aus der Lunge gepresst. Etwas knackte merklich laut und sein Kopf schlug auf den kalten Beton. Der aufflammende Schmerz auf der linken Seite seines Brustkorbs wurde durch einen Abgrund tiefer Schwärze ausgelöscht.


<später>


Wellenartig flutete hämmernder Schmerz durch sein Gehirn. Alles drehte sich. Übelkeit brachte seinen Magen zum Rebellieren. Sein Brustkorb fühlte sich eng an. Etwas stach bei jedem Atemzug in seine linke Seite. Seine Arme waren schmerzhaft nach hinten verdreht und schienen an den Ellenbogen zu enden. Eiseskälte betäubte die Haut an seinem Hintern und seine Beine und Füße kribbelten übereinstimmend in der Absicht, sich zu seinen tauben Unterarmen und Händen gesellen zu wollen. Das Geräusch, dass seiner Kehle entwich, klang wie der kaputte Abfluss einer Toilette. Dennis hob den Kopf. Die Welt begann zu schwanken. Sein Magen krampfte. Während sein Körper versuchte, nicht vorhandenen Inhalt nach draußen zu befördern, sorgte die Muskelkontraktion für Schmerzen an seiner Seite, die ihm fast erneut das Bewusstsein raubte. Mit noch immer geschlossenen Augen versuchte Dennis Ordnung in das Chaos seines Körpers zu bringen.


„Ich sehe, du bist wach. Tut weh, nicht wahr?“


Dieselbe Stimme. Spott triefend und ganz in der Nähe. Ein kehliges Lachen folgte.


„Hättest wohl nicht gedacht, dass wir dich erwischen. Wer denkt auch an einen Unsichtbaren, nicht wahr?“


Wieder eine Pause. Dennis öffnete die Augen. Helligkeit bohrte sich durch seine Netzhäute. Den Reflex, seinen Kopf wegzudrehen, bereute er sofort. Wieder begann sich alles in rasantem Tempo zu drehen. Erneut rebellierte sein Magen. Dieses Mal siegte der Schmerz und während die Stimme erneut etwas zu sagen schien, fiel er. Dunkelheit. Weit weg von all den Torturen. Wohltuend.


<erneut später>


Kalt. So furchtbar kalt. Jeder Atemzug flutete seinen Oberkörper mit Schmerzen. Sein Kopf dröhnte noch immer aber der Schwindel war weg.


„Was für ein Häuflein Elend“.


Dennis zuckte zusammen. Die Stimme. Und wieder das höhnische, kehlige Lachen. Dennis unternahm einen weiteren Versuch, seine Augenlieder auseinander zu quälen. Gleißendes Licht überblendete jede Wahrnehmung. Er blinzelte. Langsam gewann die Umgebung Konturen.


„War ein harter Aufprall, den Karl dir beschert hat, nicht wahr?“


Der Sprecher bewegte sich um ihn herum. Dennis versuchte erst gar nicht, den Kopf zu drehen.


„Dreist und ... faszinierend.“


Dennis musste an Mr. Spock, den Vulkanier denken. Von rechts trat ein dunkler Schatten in Erscheinung. Langsam schälten sich Einzelheiten aus den dunklen Konturen.


„Ich habe schon viel erlebt. Sehr viel. Aber Unsichtbarkeit? Das ist was Neues, nicht wahr?“, eine kurze Atempause, dann wieder ein vulkanisch angehauchtes:


„Faszinierend.“


Der andere zauberte wie aus dem Nichts einen Stuhl, schwang ihn mit einer Hand an der Lehne vor sich und setzte sich in einer einzigen, fließend eleganten Bewegung so darauf, dass der auf Dennis gerichtete Strahler verdeckt wurde. Lauernd wie ein Raubtier sah er Dennis an. Stahlblaue Augen, durchbohrten sein Innerstes. Dennis hatte vor einiger Zeit den ersten Band des Dunklen Turms von Stephen King gelesen. Der Mann, der nun lässig auf dem Stuhl vor ihm Platz genommen hatte, sah aus wie Roland Deschain höchst persönlich. Ein Revolvermann aus dem wilden Westen. Jeans. Cowboystiefel. Ein dunkles Hemd, dessen Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt waren. Und einen Revolver. Keine Pistole, wie Dennis sie zu Hauf aus irgendwelchen Polizei- oder Krimi-Serien im Fernsehen kannte, sondern eine Waffe, die zum Erscheinungsbild einer aus einem Western entsprungen Figur passte.


Ein Unbekannter, der aussieht wie Roland Deschain persönlich, nimmt Dennis in die Mangel.

„Ich will es kurz für dich machen: Ob du aus dieser Nummer wieder raus kommst, hängt ganz von dir ab.“


Dennis hielt dem bohrenden Blick nicht weiter Stand und sah auf den Boden. Seine Gedanken überschlugen sich. Doch egal wie er es drehte oder wendete: Dennis saß zur Bewegungslosigkeit an einen eiskalten Stuhl gefesselt in einem fensterlosen Raum an einem ihm unbekannten Ort. Nackt. Ausweglos. Er atmete tief ein. Versuchte es zumindest, denn aus dem dumpf pochenden Schmerz auf der linken Seite seines Brustkorbs wurde ein schreiendes Konzert, dass ihn zusammenzucken und laut aufstöhnen ließ.


„Langsam“, lachte der andere.


„Du hast dir beim Aufprall vermutlich was an deinen Rippen gebrochen. Passiert den Besten, nicht wahr.“


Der andere wartete kurz, als ob er Dennis Zeit geben wollte, wieder zu Atem zu kommen. Dann fuhr er fort:


„Wer bist du und warum bestiehlst du uns?“


Der freundliche Ton war nahtlos in einen eiskalten Verhörton übergegangen, der keinen Widerspruch duldete. Dennis zögerte. Die Ausweglosigkeit beschwor Angst in ihm hervor. Sie umarmte ihn, zog ihn in ihren Bann. Raubte ihm das klare Denken.


„Keine Antwort? Ich mach es wieder kurz für dich: Ohne Antworten wirst du nie wieder das Tageslicht erblicken! Also, was ist? Wer. Bist. Du?“


Die letzten Worte spie der andere wie die Schüsse einer Pistole aus.


„Dennis…“, leise, zaghaft.


„Wie? Ich versteh dich nicht. Lauter, Junge, lauter!“, der andere hatte demonstrativ die linke Hand an seine Ohrmuschel gehalten, als ob er die Geräusche der Umgebung damit besser wahrnehmen wollte.


„Dennis. Ich bin Dennis.“


Zufrieden? Hatte er noch hinzufügen wollen, aber den Mumm brachte er nicht auf. Was hatte er sich dabei nur gedacht? Das musste ja einmal schief gehen. Eine Träne löste sich von seinem linken Auge und rann langsam über die Wange.


„Seht ihn euch an. Dennis weint.“, lachte der andere plötzlich los, „hat sich an unserem Geld vergriffen. Uns bestohlen. Den großen Meisterdieb markiert und jetzt sitzt er flennend vor uns.“, verkündete er wie an ein Publikum gewandt und breitete dabei die Arme aus, als ob er um Applaus für seine Darbietung bat.


Dann wieder mit kühler, schneidender Verhörstimme:


„Dennis. Und wie kommt es, dass du dich unsichtbar machen kannst?“


Auf diese Frage gab es keine richtige Antwort. Dennis wusste es selbst nicht. Er konnte es einfach.


„Ich… das…“, stammelte Dennis und eine weitere Träne folgte der ersten.


„Ist das denn so schwer? Ich stelle Fragen und du antwortest, nicht wahr Dennis?“, schwang der sanfte Hauch beginnender Ungeduld in der Stimme des anderen mit und ließ ihn noch bedrohlicher wirken.


„Nein. Ich… ich weiß es nicht. Ich kann das einfach…“, riss sich Dennis zusammen.


„Einfach so? Das soll ich glauben?“


„Ja. Schon immer…“


„Schon immer, sagt er“, wieder an das unsichtbare Publikum gewandt. Der andere neigte sich nach vorne und Dennis hatte den Eindruck, er würde gleich aufspringen und ihn anfallen wollen.


„Schon immer… so, so… und wer oder was hat dir deinen Geist vernebelt, dass du mit deiner schon-immer-da-Unsichtbarkeit ausgerechnet bei uns aufkreuzt?“  


„Ich…“, Dennis zögerte. Wenn er nun zugab, wegen des Geldes gekommen zu sein, so würde er vermutlich auch erklären müssen, woher er davon wusste.


„Ich kam zufällig hier…“


„Verarsch mich nicht“, der andere sprang den Stuhl hinter sich umfallen lassend auf und schrie ihn an.


„Zufällig! Das glaubst du ja selbst nicht, nicht wahr. Stehst morgens auf. Läufst zufällig durch die Stadt. Zufällig genau hierher. Schleichst zufällig unsichtbar hier rein. Zufällig genau zu dem Auto. Suchst zufällig nach einer Sporttasche. Was für eine Scheiße ziehst du hier ab? Das kannst du den Kindern in der Märchenstunde erzählen, ABER NICHT MIR!“


Der andere war nun so nahe, dass Dennis den Geruch von frischer Minze aus dessen Mund roch. Instinktiv drehte er den Kopf zur Seite, um der geballten Ladung Aggression nicht unmittelbar ins Gesicht sehen zu müssen. Der andere packte ihn grob am Kinn, riss ihn zurück und kam so nahe, dass Dennis die feinen roten Äderchen auf dessen Augäpfeln wahrnehmen konnte.


„Lüg mich noch einmal an und es wird dir leid tun!“, dabei klopfte er mit der Hand auf den Griff der Waffe an seiner Hüfte. Zwei Atemzüge voller Minzgeruch verharrte der andere und Dennis wagte nicht, sich zu rühren. Dann ließ er plötzlich los, drehte sich um, ging zu dem am Boden liegenden Stuhl, stellte ihn in die ursprüngliche Position und setzte sich darauf.


Der ist verrückt, dachte Dennis. Sitzt so da, wie vorhin, als ob nichts gewesen wäre. Und dann zog der andere seine Waffe. Wie hypnotisiert sah Dennis den geschmeidigen Schwung. Sah, wie der lange silberfarbene Lauf aus dem Holster rutschte. Wie das dunkle Loch an dessen Ende in seine Richtung dirigiert wurde. Hörte das metallische Klick, das der Hahn beim Spannen durch den Raum schickte.


„Ein letztes Mal: Warum?“, die Stimme des anderen schnitt scharf durch Dennis Gedanken.



 
 
 

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