Kapitel 2025.03
- Christian M. Huber

- 28. Sept. 2025
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Sept. 2025
<Samstag, 26. Juli 2025, morgens>
Helligkeit stach ihm ins Auge. Dennis versuchte sich zu orientieren. Er spürte ein Bett unter sich. Er konnte das grelle Licht durch die geschlossenen Lieder wahrnehmen. Seine Kleidung hatte er an und er lag auf der Decke. Seine Füße schmerzten.
Betty! Seine Bekanntschaft aus der Bar. Erschrocken drehte er den Kopf zur Seite und öffnete die Augen. Dann kamen die Erinnerungen an die Nacht. Er war bei sich zu Hause. Das war gut so. Unruhig wurde er bei dem Gedanken daran, dass es schon spät zu sein schien. Die Sonnenstrahlen hatte bereits den Weg in sein Schlafzimmerfenster gefunden.
Er richtete sich auf. Sein in der heutigen Zeit fast schon altertümlich anmutender Wecker auf dem Nachttisch verkündete in dünn rot leuchtenden Lettern 09:45 Uhr. Er musste sich beeilen. Kein Frühstück. Damit konnte er sich abfinden. Ohne Kaffee ging es jedoch nicht. Dennis schlurfte in die Küche. Drückte den Knopf an der kleinen Maschine, deren Tank für kaum mehr als drei Tassen Kaffee ausreichte, und löste damit das übliche dissonante Konzert mechanischer Töne aus, die das Ritual der Reinigung begleiteten.
Dennis zog den Rollladen in der Küche nach oben. Ideales Wetter. Die morgendliche Sonne kündete einen wundervollen Sommertag an. Als die Geräusche verstummten, stellte er die bereits am Vortag genutzte Tasse unter den Auslauf und ein weiterer Tastendruck löste das infernalisch laute Mahlwerk aus. Ich brauche dringend eine neue Kaffeemaschine, dachte er. Bei dem Gedanken würde es jedoch bleiben, denn er dachte ihn annähernd jeden Morgen und bei annähernd jeder Tasse, die er aus dem inzwischen fast zehn Jahre alten Geräte quälte.
Einige von gelegentlichem Schlürfen begleitete Schlucke später, stellte er die fast leere Tasse an den ihr angestammten Platz neben der Maschine. Es war so weit. Routine wurde das, was jetzt kam nie und sein Herzschlag beschleunigte sich. Dennis spürte, wie sich seine Eingeweide kribbelnd zusammenzogen. Spürte, wie sich die Aufregung durch jede Faser seines Körpers fraß.
Er ging zu seiner Wohnungstür. Öffnete sie langsam einen Spalt. Gerade so weit, dass er die Geräusche von draußen hören konnte. Er lauschte. Nichts. Es konnte losgehen. Dennis begann, sich auszuziehen. Stetig auf jede Veränderung lauschend, die er wahrnehmen konnte. Eine Routine, die er entwickelt hatte, nachdem er einmal fast von Dieter erwischt worden war. Dieter war der Nachbar gegenüber. Ein älterer Herr, der sich wie Dennis allein in die kleine Wohnung in dem Mehrfamilienhaus eingemietet hatte.
Doch jetzt war alles ruhig. Kein Dieter, der plötzlich den Flur entlangkam, schwere Einkaufstüten schleppend, ächzend und lauter als eine Lokomotive. Keine Schritte im Treppenhaus. Kein Geräusch aus dem Fahrstuhlschacht.
Die Kleidung warf er achtlos auf den kleinen Schuhschrank unter den Kleiderhaken. Schloss die Augen, konzentrierte sich. Und verschwand. Dennis war unsichtbar. Er vergewisserte sich mit einem Blick in den Spiegel, dass er nichts übersehen hatte. Noch so eine Routine, die er sich angewöhnt hatte. Nichts wäre merkwürdiger als eine aus dem Gebäude schwebende Armbanduhr. Dann zog er seine Wohnungstür vollends auf und erschrak. Wieder jagte eine Welle Aufregung durch seinen Körper und nur mit Mühe unterdrückte er den einsetzenden Fluchtreflex. Aus seiner Küche ertönte ein Geräusch, das sich in der konzentrierten Stille wie ein vorbeifliegender Düsenjäger anhörte. Nachspülen. Dennis hatte vergessen, die Kaffeemaschine auszustellen.
Einige Augenblicke später stand er auf dem Gehsteig an der Straße. Trotz der Sonne war der Morgen frischer als gedacht. Er spürte, wie ein Frösteln durch seinen Körper lief, ausgelöst von einer kühlen Brise, die seine unsichtbare Haut streifte. Er ging los. Zügig und doch vorsichtig genug, um nicht mit einem anderen Fußgänger oder schlimmer noch, mit einem der gelegentlich anbrausenden Elektrorollerfahrer zusammenzustoßen. Die Pflastersteine fühlten sich kalt unter seinen nackten Fußsohlen an.
Der vor ihm liegende Weg war inzwischen Gewohnheit. Vorbei an den Häuserblocks. Von Gebäude zu Gebäude wirkte die Umgebung älter. Verbrauchter. Wo Dennis wohnte, sah man wenig von den Spuren, die Verkehr, Abgase und schlicht die Zeit hinterließen. Hier hingegen war nirgends mehr die originale Farbe der Fassaden zu erkennen. Risse durchzogen die Putzverkleidungen. Wer es sich leisten konnte, suchte sich definitiv eine andere Wohngegend aus.
Gewerbehallen lösten Wohngebäude ab. Fabriken mischten sich darunter. Ohne darüber nachdenken zu müssen, folgte Dennis den Wegmarken, an denen er schon oft vorbeigekommen war. Die Autowerkstatt, zu deren Glanzzeiten die schreienden Farben sicher weithin sichtbar Kundschaft anlockten, die jedoch ihren Zenit nicht nur äußerlich bei weitem überschritten zu haben schien. Eine Fabrik, deren kaputte Fensterfronten wie die leeren Zahnreihen eines Obdachlosen über das Stadtviertel grinsten. Der Wasserturm, dessen rostiges Äußeres wenig Lust auf das kühle Nass im Innern machte.
Das Bürogebäude kam in Sicht und er wusste, dass er am Ziel war. Wie spät es genau war, konnte Dennis nur erahnen. Sein Bauchgefühl sagte ihm jedoch, dass er rechtzeitig angekommen war. Mit jedem Schritt wuchsen die Strukturen der Stockwerke höher und höher vor ihm auf. Die einst in strahlendem Weiß gehaltenen weithin erkennbaren Elemente zwischen den verspiegelten Fenstern, fristeten nun ein tristes und baufällig wirkendes Dasein in allerlei Grautönen. In den Fenstern spiegelte sich fehlerhaft wirkend das fröhliche Blau des Sommerhimmels. Dennis vermutete, dass sie aus bruchsicherem Glas bestehen mussten. Anders konnte er sich nicht erklären, dass keine einzige davon zu Bruch gegangen war.
Im Erdgeschoss waren alle sichtbaren gläsernen Fronten von außen mit Holz verhangen worden. Die großen Lettern über dem Eingangsbereich verkündeten leer das Versprechen, im Innern die Kanzlei Roth zu finden. Dennis wusste es besser. Er wusste, was er im Innern finden würde und er wusste auch genau wo. In dieser annähernd vollständig verlassenen Gegend der Stadt machte er sich wenig Mühe bei der Annäherung an die rechte Ecke des Gebäudes. Vorbei an den Besucherparkplätzen in Richtung des mit einem schweren Metallgitter versperrten Eingangs zur Tiefgarage.
Er blickte sich um. Sah niemanden. Folgte der abschüssigen Rampe nach unten. Rechts neben der Zufahrt für Fahrzeuge war eine metallene Gittertür angebracht. Ein runder Türknauf und eine Vorrichtung, die einst für das elektronische Öffnen durch Schlüsselkarten vorgesehen war, zeugten davon, dass der Zutritt für Fremde nicht möglich war. Wenn man den Trick nicht kannte. Wer nur am Knauf zog, würde eine fest verschlossene Tür vorfinden, die sich keine Haaresbreite bewegte. Griff man jedoch durch die Gitter hindurch und tastete etwas oberhalb des Knaufs an der Innenseite entlang, fand man einen Riegel. Dennis griff durch die Gitter und wollte ihn aufschieben, als die Türe nach innen schwang.
Alles in ihm zog sich zusammen und starr vor Schreck sah er die Tür aufschwingen. Erst im letzten Moment begriff Dennis, dass sie mit lautem Krachen gegen die Betonwand schlagen würde, wenn er sie nicht aufhielt. Er hechtete nach vorne, griff nach dem Knauf und ein stechender Schmerz durchzuckte den Mittelfinger seiner rechten Hand. Zwar hatte er die Tür, das dumpfe Pochen am Ende seines Fingers verhieß jedoch nichts Gutes.
Der Finger fand den Weg in seinen Mund zu einer Geste, für die er sichtbar und auf offener Straße vermutlich mehr als nur ein paar Schwierigkeiten abbekommen hätte. Blut schmeckte er keines. Unschlüssig stand er da. Abbruch, sagte sein Bauchgefühl. Schrie es gerade zu und doch zögerte er. Dennis musste es tun. Er brauchte das Geld. Wollte es tun. Sekunden verstrichen. Zeit, in der die Tür für jedermann sichtbar offenstand. Dieser eine Augenblick des Innehaltens hätte Dennis Leben verändern können. Wenn er auf seinen Bauch gehört hätte. Dieses eine Mal noch, hörte er seinen Verstand im Innern das Gefühl niederkämpfen. Er schloss die Tür vorsichtig zu. Der Gedanke an das Geld hatte obsiegt. Er wandte sich in Richtung der gähnenden Schwärze.
Seine Augen brauchten einige Momente, um sich an das Halbdunkel zu gewöhnen. Auf der Rückseite waren alle paar Meter schmale vergitterte Öffnungen eingelassen, die nur wenig von der sommerlichen Helligkeit von draußen als diffus verstreutes Restlicht hindurchließen. Selbst wenn Dennis sichtbar gewesen wäre, so hätte er sich in den Halbschatten zwischen den Säulen dennoch gut verstecken können.
Dennis hielt sich an der hinteren Wand und ging langsam tiefer in die Garage. Vorbei an den breiten Parkplätzen, die vermutlich für die wichtigen Persönlichkeiten der Kanzlei reserviert gewesen waren. Alles schien wie immer. Auf dem Parkplatz mit der Nummer zweiunddreißig stand der alte Mercedes. Eine vermutlich silbergraue C-Klasse, deren Umrisse er gerade noch so ausmachen konnte. Wie ein vergessenes Relikt verblichener Zivilisation.
Er hielt an einer der massiven Säulen inne. Schloss die Augen und lauschte. Alle paar Sekunden ertönte ein leise, aber dennoch vielfach an den kahlen Betonwänden widerhallendes Geräusch, dass Dennis an den tropfenden Wasserhahn in seiner Dusche erinnerte. Sein Herzschlag wummerte scheinbar ebenso laut in seiner Brust. Sonst war da – nichts. Wieder übermannte ihn die Aufregung. Wie oft hatte er das nun schon getan? Sieben Mal? Zehn Mal? Die Erinnerung daran wollte nicht klar werden. Oft genug jedenfalls, dass ihm das Zögern fast schon lächerlich vorkam. Auf – tu es jetzt. Wieder kämpfte er das ungute Gefühl nieder, dass sich in einer Ecke seines Herzens festsetzen wollte.

Er schlich zum Wagen. In lächerlich geduckter Haltung, mit der er sich trotz seiner Unsichtbarkeit wohler fühlte. Fühlte das kalte Metall und die staubige Oberfläche des Wagens, als er ihn berührte. Tastete sich zum Türgriff hinten rechts vor. Umschloss ihn. Zog daran. Klack. Wie ein heller Trommelschlag schnappte das Schloss auf. Er sah auf den Rücksitz. Dort stand sie. Eine saubere Sporttasche. Wie ein Fremdkörper wirkte sie in der scheinbar Jahrzehnte alten Umgebung.
Dennis beugte sich nach vorne. Griff nach der Sporttasche. Etwas war anders. Sie war leichter als sonst. Die Zweifel meldeten sich wieder. Begannen sich in seiner Magengegend als diffuses Druckgefühl festzusetzen. Hier stimmt etwas nicht, meldete sich eine zögerlich leise Stimme in seinem Kopf. Er richtete sich mit der Tasche in der Hand auf. Sie war nicht nur viel leichter als sonst. Sie fühlte sich leer an. Verzweiflung gesellte sich zur aufkommenden Angst. Plötzlich fühlte sich alles um ihn herum kalt an. Die düstere Tiefgarage wirkte bedrohlich und in jeder Ecke und hinter jeder Säule schienen sich die Schatten zu versammeln, um ihm aufzulauern.
Er zog mit der linken Hand am Reißverschluss. So leicht wie die Tasche war, widersetzte sie sich zunächst dem Versuch, ihr Innenleben preis zu geben. Er zog stärker. Mit einem Surren bewegte sich der Schlitten zwischen den Zähnen und als die beiden Hälften des Reißverschlusses auseinanderklafften, sah Dennis nur gähnende Leere. Nichts. Er griff ungläubig hinein. Fühlte den rauen Boden der Tasche. Nicht ein einziger Geldschein. Und dann ging alles sehr schnell.
Gleißende Helligkeit umspülte Dennis. Blendete ihn. Ließ ihn zusammenzucken. Etwas Kaltes legte sich über ihn. Metallene Seile schienen ihn umklammern zu wollen. Er hörte Stimmen schreien. Etwas Nasses traf ihn am Rücken. Die Tasche fiel aus seinen Händen. Er stolperte nach vorne. Kniff die Augen zusammen. Tastete hektisch um sich. Panik übernahm die Kontrolle. Er musste weg hier. Wollte rennen. Spürte, wie seine Bewegungsfreiheit weniger und weniger wurde. Und während wie bei einem gefangenen Tier die Urinstinkte jedes vernünftige Denken ausschalteten, hörte Dennis eine ihm seltsam bekannt vorkommende Stimme:
„Wir haben ihn!“.


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