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Kapitel 2025.02

  • Autorenbild: Christian M. Huber
    Christian M. Huber
  • 20. Sept. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Sept. 2025

<irgendwann etwa 15 Jahre zuvor, früher Nachmittag>


„Ich möchte aber ein Eis“, quengelte Dennis mit nervtötender Stimme.


„Und noch einmal: Für so etwas hast du dein Taschengeld. Ich war mit Katja und dir gestern schon an der Eisdiele.“


„Ich…“, setzte Dennis erneut an, doch seine Mutter unterbracht ihn dieses Mal direkt. Ihre Antwort klang inzwischen gereizt und die verständnisvolle fast noch liebevolle Stimmlage wich merklich lauteren Klängen mit aggressivem Unterton:


„Nein! Es reicht jetzt. Ich muss diese Statistik für die Schule noch fertigbekommen und deine sinnlose Bettelei nervt sehr. Geh mit deiner Schwester spielen oder mach was im Garten, aber bitte lasse mich jetzt weiterarbeiten.“


Dennis war wütend. Er konnte es nicht leiden, wenn seine Mutter zu Hause arbeitete. Dass sie Lehrerin war und das recht oft vorkam, machte die Sache nicht eben besser. Sie war dann zwar zu Hause aber Zeit hatte sie nie für ihn. Einen Moment lang starrte er sie an. Versuchte all seine Wut in einen besonders finsteren Blick zu legen. Doch sie drehte sich nicht einmal zu ihm um. Dennis gab auf und stieß ein ebenso unbeachtetes Knurren aus. Mit hängenden Schultern und den Tränen nahe ging er nach oben in sein Zimmer. Auf Katja hatte er auch keine Lust. Die würde bestimmt wieder nur mit ihren Puppen im Garten spielen wollen.


Taschengeld war keines mehr übrig. Das wusste er, weil er vor ein paar Tagen bereits ein Eis davon gegessen hatte. Drei Kugeln. Große Kugeln, denn in Luigis Eispalast gab es die größten Kugeln weit und breit. Dass davon wahrscheinlich eine ganze Kugel in der Sommerhitze schmelzend an Waffel und Hand heruntergelaufen war, spielte keine Rolle. Seine Freunde hatten alle drei Kugeln bestellt, also war Dennis diesem Beispiel gefolgt.


Wenn er doch nur irgendwo noch einen Euro finden würde? Doch die üblichen Hosentaschen, sein Schulranzen und die Ablage an seinem Schreibtisch gaben nicht viel her. Immerhin Dreißig Cent. Das würde jedoch nicht einmal mit viel Geschick und Bettelei helfen. Manches Mal schon, aber nur, wenn Mama Maria selbst hinter dem Tresen stand, hatte er auch für weniger als einen Euro schon eine Kugel bekommen.


Enttäuscht blickte er die drei Münzen an. Noch immer umklammerte die Wut sein Denken. Eine Möglichkeit gab es dann doch noch. Dass ihm seine Mutter verboten hatte, seine Fähigkeit einzusetzen, machte es gerade jetzt noch verlockender. Sein Herz begann bei dem Gedanken daran schneller zu schlagen. Wie lange spielte er nun bereits mit dem Gedanken, einmal nach draußen zu gehen? Ganz nach draußen. Nicht nur im Haus oder im Garten, um Katja beim Puppenspielen zu erschrecken.

Ein Plan begann sich zu formen. Die Terassentür war offen gestanden erinnerte er sich. Wenn er seine Zimmertür aufmachte, konnte er unbemerkt nach draußen kommen. Das Tor zwischen Hof und Garten konnte man vom Haus aus aus keinem Fenster sehen und nur von der Straße aus konnte man bemerken, wenn es geöffnet wurde.


Dennis stand auf, öffnete seine Zimmertür und lauschte. Sein Herz schlug laut wie Trommelschläge. Von unten hörte er das gelegentliche Klackern der Tasten. Seine Mutter saß noch am PC. Von Katja hörte er nichts.


Jetzt oder nie.  


Er zog sich aus. T-Shirt. Shorts. Zögerte kurz. Dann war er nackt. Er schloss die Augen. Fühlte das leichte Kribbeln in seinem ganzen Körper. Langsam zählte er in Gedanken bis drei. Dann öffnete Dennis die Augen wieder. Noch immer ertönten die harten Anschläge der Tastatur aus dem Erdgeschoss. Er streckte seine Hand zur Zimmertür aus und sah nichts. Vollständig durchsichtig. Wenn man sich selbst nicht sah, war es gar nicht so leicht, einen Gegenstand anzufassen. Obwohl er inzwischen ein wenig Übung hatte, musste er sich darauf konzentrieren, keinen Lärm zu machen. Er öffnete die Tür ganz. Setzte langsam einen Fuß vor den anderen. Den Flur entlang. Die Treppe nach unten. Begleitet von den Geräuschen aus dem Arbeitszimmer, schlich er in Richtung Terrassentür.


Einige Augenblicke später war er draußen. Es war ein merkwürdiges Gefühl, in der prallen Mittagssonne zu stehen, die Wärme jedoch nicht zu spüren. Dennis warf keinen Schatten und die Strahlen des grellen Sterns am Himmel hatten auf ihm keine Fläche, auf der sie Wärme produzieren konnten.

Nun war er im Garten. Unsichtbar. Nackt. Sein Herz pochte. Die Leute würden ihn nicht sehen aber hören befürchtete er, so laut schlug es in seiner Brust. Wie immer zögerte Dennis. Es war eine Sache, die eigene Schwester im geschützten Raum des elterlichen Hauses damit zu ärgern, dass man sich unsichtbar machen konnte. Völlig anders war es, nackt durch den Garten zu laufen.


Um das Haus herum. Nach vorne in Richtung Hof und Straße. Dennis hielt sich nahe an der Wand. Dann kam der Moment, der die Aufgabe jeder möglichen Deckung bedeutete. Er blickte sich um. Hätte ihn jemand sehen können, hätte dieser jemand sofort die Vermutung gehabt, Dennis hätte etwas ausgefressen. Doch niemand war zu sehen. Er öffnete das Tor. Schlich hindurch. Schloss es hinter sich.


Ein Schritt. Zwei Schritte. Einige Augenblick später stand er mitten im Hof. Warmer sanfter Wind umspielte ihn. Dann hörte er ein Auto. Es kam schnell näher. Dennis erstarrte und Panik zerrte an ihm. Alles in seinem Kopf schrie „Lauf! Versteck dich!“ doch er war zu keiner Bewegung fähig. Wie in einem Traum sah er das Auto näherkommen. Das waren die Ehrmanns. Die beiden wohnten zwei Häuser weiter und waren steinalt. So kam ihm das jedenfalls vor.


Ohne langsamer zu werden, zog der silberne Mercedes vorbei. Er sah die Bremslichter und dann bogen die beiden in ihren Hof ein. Das Auto verschwand in der Garage. Erst einige Augenblicke später war Dennis wieder in der Lage, seine nackten Füße zu heben. Langsam ging er los. Hielt dabei die Hände vor seinem Schritt. Nur für alle Fälle. Für einen kurzen Moment kam ihm der Gedanke, dass er sich glücklich schätzen konnte, dass Aufregung ihn zwar gelegentlich, ohne dass er das wollte, unsichtbar machte. Das funktionierte jedoch nur in die eine Richtung. Sichtbar war er noch nie geworden, wenn er das nicht bewusst steuerte.


Luigis Eispalast und der vorbeifahrende Bus

Bis zu Eisdiele war es nicht weit. Zehn Minuten brauchte er normalerweise. Heute kam ihm der Weg dorthin wie eine Ewigkeit vor. Die Straßenecke kam in Sicht. Über dem Eingang prangte ein riesiges Schild. Ein Palast, dessen Türme von Eiskugeln geziert waren und über den quer geschrieben Stand „Luigis Eispalast“. Die große Eiswaffel ruhte auf dem Gehsteig an ihrem Stammplatz. Drei riesige Kugeln, deren Farben bereits zu verblassen begannen, zierten das fast mannshohe Eis. Luigi selbst bediente heute und vor der Theke stand eine Schlange. Kinder, eine Frau, die ein Baby auf dem Arm trug, und ein älterer Mann.

Dennis blieb im Schatten eines Baumes stehen. Er musste nur noch über die Straße gehen und war am Ziel. Viele Male hatte er sich vorgestellt, wie es sein mochte, unsichtbar und heimlich ein Eis zu ergaunern. Hatte jede Einzelheit seines Plans immer und immer wieder in seiner Fantasie durchgespielt. Nun stand er eine Straßenbreite entfernt. Und er hatte Angst. Es war eine Sache, nackt auf dem Gehweg entlangzulaufen. Ihm war niemand begegnet und die wenigen Autos hatten Dennis kaum etwas ausgemacht. Zugegeben, er war jedes Mal absichtlich langsamer oder schneller gelaufen und hatte versucht einen Gegenstand zwischen sich und dem vorbeifahrenden Fahrzeug zu halten. Einen Baum. Einen Briefkasten der Post. Das Wartehäuschen einer Bushaltestelle. Völlig anders war es, über eine Straße ohne Deckung auf eine kleine Menschenansammlung zuzulaufen.


Die Zeit rann dahin. Drei Kinder hatten ihr Eis. Nun war die Frau mit dem Baby an der Reihe. Danach nur noch der ältere Mann. Dennis wurde bewusst, dass sein Plan immer nur bis zu diesem Moment gereicht hatte. Dass er sich immer nur Gedanken darüber gemacht hatte, wie er zu der Eisdiele gelangen konnte nicht aber, wie er unsichtbar und nackt an ein Eis gelangen sollte. Er beschloss, über die Straße zu gehen, wenn der Mann sein Eis erhalten hatte. Er fokussierte sich dabei so auf die sich ihm bietende Szene, dass er alles andere ausblendete. Der Mann hob die Hand und Dennis konnte die zwei erhobenen Finger sehen. Zwei Kugeln. Luigi nahm eine Waffel von den fein säuberlich aufgereihten Stapeln. Keine ganz kleine und keine der riesigen, sondern eine für zwei oder drei Kugeln. Er kratzte das Eis mit dem silbernen kugelförmigen Löffel aus den Behältern. Eine weiße Kugel. Eine Rote Kugel. Mehr konnte Dennis nicht erkennen. Sein Herz pochte wieder. Stärker als je zuvor. Der alte Mann hielt Luigi einen Geldschein hin.


„Jetzt“ dachte Dennis. Und wie durch ein Wunder, setzten sich seine Füße in Bewegung. Er bemerkte kaum, dass der Asphalt unter seinen nackten Füßen durch die Mittagssonne fast unerträglich aufgeheizt worden war. Er hatte die Straße halb überquert, als mehrere Dinge gleichzeitig geschahen. Der ältere Mann drehte sich gerade von der Theke weg und schlotze bereits an seinem Eis, als ein lautes Lachen ertönte. Drei oder vier verschiedene Stimmen. Jungs. Und Dennis erkannte das Lachen. Wusste sofort, wer da kam. Wieder setzte die Schockstarre ein. Unfähig, auch nur einen weiteren Schritt zu gehen, stand er inmitten auf der Straße. Seine Gedanken rasten. Das Wissen darüber, dass er noch immer unsichtbar war, wurde durch Panik und den einsetzenden Fluchtreflex verdrängt. Dennis stand nur da. Sah zu, wie seine Klassenkameraden auf die Eisdiele zuliefen. Lachten. Scherze austauschten. Bis sie schließlich keine zehn Meter von ihm entfernt anfingen, über die Eissorten zu diskutieren, die sie gleich probieren würden.

Und dann kam der Bus.


Dennis hörte ihn spät. So spät, dass er die Druckwelle aus verdrängter Luft spürte, bevor sein Verstand das Motorengeräusch richtig einsortierte. Etwas wirbelte seine Haare durcheinander. Zog und schob an ihm. Brachte ihn aus der Balance. Und dann fiel er. Rückwärts, sich leicht drehend. Und er sah den Bus. Sah das monströse grüne Etwas, dass ihn nur um Haaresbreite verfehlt hatte. Sah jede Einzelheit des Schmutzes, der das Kennzeichen alt und fleckig erscheinen ließ. Sah die Wassertropfen, die vom Auspuff in regelmäßigem Rhythmus auf die Straße fielen. Sah, wie die leuchtenden Ziffern der Linie 15 in der Heckscheibe dem grellen Licht der Nachmittagssonne zu trotzen versuchten.


Und schlug auf. Stürzte auf Knie und Hände. Haut schrammte über rauen Asphalt. Riss auf. Ein Schrei zerriss die Szenerie. Sein Schrei. Köpfe ruckten in seine Richtung. Das Lachen und Schäkern der Jungs verstummte. Der alte Mann drehte sich ebenfalls um. Suchend. Und doch sahen sie alle durch ihn hindurch. Das war zu viel für Dennis. Er sprang auf. Rannte los, als ob der Teufel persönlich hinter ihm her war. Der Schmerz kam später. Und die Erkenntnis, dass er Glück gehabt hatte. Unverschämt großes Glück. Die Erinnerungen daran, wie er nach Hause gekommen war und wie er seinen Eltern die aufgeschlagenen Knie erklärt hatte, waren unscharf und verblasst. Dennis wusste aber, dass dies der erste und einzige Ausflug für lange Zeit gewesen war, den er außerhalb des Hauses gewagt hatte.


Die Erinnerungen verblassten und ...


<Samstag, 26. Juli 2025, sehr früher Morgen kurz nach Mitternacht>


... er stand vor seiner Haustür. Ein Mehrfamilienhaus mit sechs Wohneinheiten. Einige Augenblicke später lag er im obersten Stock in seinem Bett. Angezogen aber ohne seine Schuhe hatte er sich darauf fallen lassen. Morgen würde ein wichtiger Tag werden. Seine Augen fielen zu. Die Müdigkeit übermannte ihn und ließ ihn schnell in einen unruhigen Schlaf gleiten.

 
 
 

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