Kapitel 2025.1
- Christian M. Huber

- 14. Sept. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Freitag, 25. Juli 2025, spät abends
Sein Orgasmus wurde jäh durch einen spitzen Schrei zerschnitten. Der Laut bohrte sich grell in sein Ohr und schnitt seine Lust mitten entzwei. Betti, die noch eben mit umschlungener Hingabe unter ihm gelegen hatte, wand sich plötzlich wie von Panik befallen. Ihre Arme und Beine ruderten wild, schlugen gegen ihn, als wolle sie sich aus einem Albtraum lösen. Der Schrei ging über in ein Kreischen, das alles übertönte.
Dennis blinzelte benommen, verstand im ersten Augenblick kaum, was geschah, ehe der Gedanke in ihm aufstieg: Nicht schon wieder. Dieser Satz schob sich schwerfällig zwischen die letzten Nachbeben seiner Erregung. Das Hochgefühl zerplatzte wie aufprallendes Glas, während er instinktiv versuchte, die Tritte ihrer Beine abzuwehren.
Betti – er hatte ihren Nachnamen verdrängt, vielleicht nie richtig behalten – hatte sich mit einer verzweifelten Kraft unter ihm hervorgewunden. Ihr Gesicht war von blankem Entsetzen gezeichnet. Die Züge verzerrten sich, als hätte sie ein Gespenst gesehen. Mit einem ungelenken Satz fiel sie mehr aus dem Bett, als dass sie sprang, riss die dünne Sommerdecke wie ein Schutzschild mit sich und stolperte rückwärts in Richtung Tür. Ihr Atem war ein stoßweises Keuchen, die nackten Füße schlugen hart auf das Laminat, und dann flog die Tür ins Schloss. Stille folgte. Er war allein.
Dennis verharrte. Nackt auf dem Bett kauernd, die Hände auf die Oberschenkel gestützt. Der pochende Schmerz, den ihre Füße dort hinterlassen hatten, ließ ihn die Zähne zusammenbeißen. Für einen Moment musste er den Blick senken, um sich zu sammeln. Die Mitte seines Körpers pochte noch, dieses unruhige Nachglühen nach dem Höhepunkt, das ihm das klare Denken erschwerte.
Konzentrieren. Er zwang sich dazu, auch wenn sein Kopf voller Restbilder war – Haut, Bewegung, Schreie. Er sah an sich hinab. Blickte durchs Nichts hindurch direkt auf die Abdrücke, die sein Gewicht auf dem Laken und der Matratze hinterließ. Nach all der Zeit auch für Dennis selbst noch immer ein gespenstischer Anblick.

Er presste die Lider zusammen, zählte innerlich bis fünf. Manchmal half es, diesen Prozess zu erzwingen, als würde er sich selbst wieder in die Wirklichkeit zurückholen. Er hielt den Atem an, spürte, wie seine Muskeln angespannt zitterten. Dann öffnete er langsam die Augen. Da war er wieder. Fleisch und Blut, Konturen, die zu ihm gehörten.
Der Körper eines Mittzwanzigers, sportlich, aber ohne das Übermaß an Definition, das in Fitnessstudios gefeiert wurde. Durchschnittlich, hätte jeder gesagt. Und doch mehr als das. Seine Haut trug einen leichten Sommerteint, mit den klaren Rändern von T-Shirt und Shorts. Dunkelbraunes Haar bedeckte Beine und Scham, ein angedeutetes Sixpack war noch zu erkennen. Sein Gesicht, glatt rasiert, wurde von dunklen Locken eingerahmt, die er unwillkürlich alle paar Augenblicke mit der Hand aus seinem Gesicht wischte.
Katja, seine jüngere Schwester, hatte einmal lachend bemerkt, er sehe aus wie ein jugendlicher Jesus, nur ohne Bart. Durchschnittlich also – wenn man davon absah, dass er eben verschwinden konnte. Völlig. Spurlos. Unsichtbar.
Nur: Es passierte nicht immer, wenn er wollte. Sondern auch dann, wenn er die Kontrolle verlor. So wie eben. Betti hatte eine Seite von ihm gesehen, die er niemandem zeigen wollte. Und sie hatte panisch reagiert. Verständlich. Jetzt half nur noch schnelles davonstehlen.
Hastig griff er nach seinen verstreuten Kleidungsstücken. Unterwäsche, Jeans, T-Shirt. Er raffte sie zusammen, zog sich im Stehen an, während sein Herz raste. Schnappte seine Schuhe. Zeit hatte er keine mehr. Die Erfahrung der letzten Jahre hatte ihn gelehrt, dass eine Frau nach so einem Erlebnis selten schwieg und ruhig blieb. Sie rief jemanden an, der Sicherheit versprach. Manchmal einen Freund, manchmal die Polizei. Vielleicht sogar beide. Er konnte nicht riskieren, noch hier zu sein, wenn die Hilfe kam.
Er ging zur Schlafzimmertür. Als er die Hand an die Klinke legte, zögerte er. Ein Atemzug. Ein Innehalten, das seinen Puls noch weiter nach oben trieb. Doch dann drückte er entschlossen nach unten. Die Tür öffnete sich. Betti war nicht zu sehen.
Ein Flur fehlte in der kleinen Wohnung. Die Tür führte direkt hinaus in das Wohnzimmer, von dem alle weiteren Räume abgingen. Zweckmäßig eingerichtet, karg fast, als hätte hier jemand nur gewohnt, nicht gelebt. Wenige Bilder, kaum persönliche Gegenstände, nur Möbel, die ihre Pflicht erfüllten. Dennis’ Blick glitt zur Küchentür.
„Ich soll mich beruhigen? Jetzt hören Sie mir doch einmal zu!“ Bettis Stimme, schneidend, hoch, vibrierend vor Angst. Dennis erstarrte. Sie war noch hier. Und sie telefonierte. Durch die geschlossene Tür konnte er die Panik hören, konnte sich ihr Gesicht vorstellen – die geweiteten Augen, die fahrigen Bewegungen.
„Er hat sich aufgelöst. Einfach verschwunden. Vor meinen Augen…!“
Dennis’ Nackenhaare stellten sich auf. Er ging leise auf die Wohnungstür zu, die Schuhe noch immer in der Hand, um keine Geräusche zu machen.
„Nein, ich habe nicht getrunken…“, hörte er sie weiterreden. Ein Moment Stille, dann fast flüsternd: „Na gut, vielleicht ein kleines Glas Sekt…“ Sofort wieder lauter und mit ärgerlichem Unterton: „Aber was spielt das für eine Rolle! Er war da und dann – weg!“
Er wartete das Ende des Telefonats nicht ab. Mit einem Ruck öffnete er die Wohnungstür, trat ins Treppenhaus hinaus. Ein Luftzug wehte kühl gegen seine Stirn, der Geruch nach Reinigungsmittel hing in der Luft. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss. Bettis Stimme verstummte abrupt. Ohne zurückzusehen, begann er die Treppe hinabzusteigen. Jede Stufe brachte Distanz, brachte die Chance, dass dies eine Nacht bleiben würde, die niemand ernstnahm.
Würde er sie je wiedersehen? Wohl kaum. Frauen wie Betti verschwanden aus seinem Leben so schnell, wie sie aufgetaucht waren. Und die Polizei würde ihr nicht glauben. Wer erzählte schon, ein Mann sei beim Sex unsichtbar geworden? Wer würde das für möglich halten?
Und doch verzichtete Dennis darauf, ein Taxi zu rufen. Zu viele Augen, die ihn registrieren konnten. Ein Fahrer, der sich vielleicht erinnerte, wann und wo er zugestiegen war. Das Risiko lohnte nicht. Also ließ er seine Beine die Arbeit tun, Schritt für Schritt durch die Nacht, Richtung Zuhause.
Während er ging, ließen seine Gedanken los. Erst irrten sie ziellos, dann fanden sie zurück zum Ursprung. Wieder und wieder drehte er die Erinnerung in seinem Kopf, wie ein Stein, den man in der Hand wendet. Wann war es das erste Mal passiert? Die genaue Erinnerung entzog sich ihm. Doch ein Erlebnis ragte heraus. Eines, das sich eingebrannt hatte. Das ihn von Anfang an vor Leichtsinn bewahrt hatte.
Er war neun oder zehn Jahre alt gewesen, ein Kind, das die Welt noch neugierig ansah. Schon damals hatte er gewusst, dass er anders war. Dass er verschwinden konnte. Dass es nur nackt ging, weil keine Kleidung mit ihm verschwand, kein Stoff, keine Schuhe, nichts außer seinem eigenen Körper.
...Fortsetzung folgt...


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